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Hidden C

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Zusammenfassung

Härte- und Weichegrade sind sicher keine Kategorien, mit denen man Musik treffend einschätzen oder gar zuordnen könnte.

Gilt es im Rock als Gütesiegel, möglichst hart zu spielen, muss man den Begriff „Weich“ im Jazz eher mit Vorsicht genießen. Ausnahmen bestätigen die Regel, vor allem wenn Weich kein Synonym für Seicht, sondern im Gegenteil für Tiefgründig, Kontemplativ, Nachdenklich und doch Klar ist. Ein so weiches und zugleich schönes und abgründiges Album wie „Hidden C“ von dem Münchner Bassisten und Cellisten Henning Sievert hat es lange nicht mehr gegeben. Man ist an frühe Alben von Jimmy Giuffre erinnert oder an Paul Desmond und Gerry Mulligan um 1960. Und doch ist die Musik Henning Sieverts viel komplexer. Die 16 Tracks schmelzen im Ohr wie Honig, ohne einen klebrigen Nachgeschmack zu hinterlassen. Sieverts Formel klingt zunächst verblüffend einfach. „Der gemeinsame Bogen sämtlicher Stücke sind die schönen Melodien. Ich arbeite mit sanften Farben, will jedem Stück seinen eigenen Charakter belassen, aber dennoch einen Kontext schaffen, der vom ersten bis zum letzten Stück einen zusammenhängenden Sinn ergibt.“

Vom ersten Ton an fühlt man sich wie durch Zauberhand in eine Galerie impressionistischer Bilder gezogen. Doch anstatt jedes einzelne Bild fotografisch festzuhalten ergibt sich am Ende ein Grundgefühl, das sich aus der Gesamtheit aller Bilder zusammensetzt. „Hidden C“ funktioniert im klassischen Sinne wie eine Suite. Strenge und Sanftheit bedingen einander und ergeben über eine verblüffende innere Balance hinausgehend einen übergreifenden transzendenten Schwebezustand, der oftmals vergessen lässt, dass man von einem Stück ins nächste gleitet. „Die Stücke sollen in sich eine Logik haben, sich aber nicht logisch anhören. Das mag wie ein Widerspruch klingen, aber Logik schließt ja Schönheit nicht aus. Sie wird meist dann erst schön, wenn in der Logik auch ein kleiner Bruch vorhanden ist. Eins meiner großen Vorbilder in der Musik ist Bach. Seine Musik ist schön und logisch. Diesem Ideal versuche ich mich anzunähern.“

Was Sieverts mit Logik und Strenge meint, erschließt sich am besten in den sechs Miniaturen, die sich unter dem Titel „Hidden C“ wie ein roter Faden durchs Album ziehen. Sie variieren ein und dieselbe Zwölftonreihe unter verschiedensten Aspekten, lassen aber in ihrer Strenge nur geringe improvisatorische Abweichungen zu. Strenge und Disziplin offenbart auch Sieverts eigenes Spiel. Doch an virtuosen Kunststückchen ist dem Münchner ohnehin nicht gelegen. „Es wäre nicht mein Ding, eine Bass- oder Cello-Platte zu machen. Mir geht es viel mehr um die Kompositionen. Es sind meine Stücke, und ich habe mir genau die Musiker ausgesucht, die meine Musik zum Klingen bringen. Erstaunlicher Weise haben die Musiker in dieser Kombination nie zuvor zusammen gespielt. Ich kannte sie alle aus verschiedenen Zusammenhängen und wusste, es würde funktionieren, aber als wir uns endlich trafen und die Musik spielten, war das vom ersten Augenblick an in höchstem Maße beglückend. Ich bin fasziniert von Matthias Nadolnys weichem, luftigem Saxofon-Sound.

Peter O'Mara ist mal ein sehr kraftvoller, mal ein sehr lyrischer Musiker mit einem unglaublichen Farbenspektrum auf der elektrischen und der akustischen Gitarre. Glauco Venier hat auch so eine große Farbpalette am Klavier, von energiegeladen bis sehr zart. Peter und Glauco sind darüber hinaus nicht nur brillante Solisten sondern auch meisterhafte Begleiter. John Hollenbeck kann am Schlagzeug einfach alles: kräftig grooven, federleicht swingen und impressionistische Farbtupfer setzen. Last but not least freue ich mich besonders, für drei Stuecke die fantastische Sängerin Maria Pia DeVito gewonnen zu haben, übrigens eine der wenigen Jazzsängerinnen, die wirklich improvisieren kann (vor allem bei ‚Le Chien Du Tambour‘). Besonders gefällt mir auch die schlichte, aber berührende Interpretation bei ‚Little Seahorse‘. Einige der Kompositionen habe ich den Musikern wirklich auf den Leib geschrieben.“

Als einfühlsamer Klangfarbenmaler weiß Sieverts genau, welchen Klang er wie stark auftragen muss, um den gewünschten Farbeffekt zu erzielen. Er lässt jedem Ton genug Zeit sich zu entfalten, spielt keinen Ton zuviel und gestaltet auch sein eigenes Spiel eindrucksvoll effektiv. Egal ob er Cello oder Bass spielt, in seinen spielerischen Motiven breiten sich Landschaften aus. Sein beinahe zärtlicher Umgang mit seinen Instrumenten setzt auch im Hörer unweigerlich ein Gefühl wohltuender Leichtigkeit und Ungebundenheit frei. „Ich komme vom Cello her und bin froh, über beide Klangfarben zu verfügen. Mit dem Cello komme ich einfach höher. Das Cello ist in Quinten und der Bass in Quarten gestimmt. Dadurch kann ich unterschiedliche Dinge auf beiden Instrumenten spielen. Ich empfinde es als großen Vorteil, auf diese Weise ein viel weiteres Spektrum abdecken zu können. Es ist aber nicht so, dass ich je nach Charakter des Stückes Bass oder Cello spielen würde.“

Ein gutes Beispiel für diese Herangehensweise ist das Stück „Caffè Della Pace“. Sieverts beginnt „mit einer romantischen, lang gezogenen, hohen Melodie, die den Charakter des Cellos besser herausstellt. Dann schalte ich auf die Bassfunktion um, die das Cello gar nicht bringen könnte.“

Die Musiker von „Hidden C“ kommen aus den USA, Australien, Italien und Deutschland. Dennoch sprechen sie mit einer Sprache und machen aus Hidden C ein schlüssiges Meisterwerk.